Donnerstag, 9. Oktober 2014

AUF DEM WEG - ἐν τῇ ὁδῷ

via pinsoflight.net

1) Markus hat den Abschnitt zwischen der ersten und zweiten Blindenheilung sichtbar gegliedert.

Fünf Mal begegnet uns zwischen Mk 8,27 und Mk 10,52 die Wendung „ἐν τῇ ὁδῷ“ - „auf dem Weg“. Sie ist außerhalb dieses Abschnitts nur in Mk 8,3 als Vorausblick erwähnt. Der Abschnitt wurde von Markus auch mit wiederkehrenden Motiven gestaltet, die sich schematisch so darstellen lassen:

1. Blindenheilung
                   Christus-Bekenntnis des Petrus
                                         1. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                                         2. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                                         3. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                    Sohn-Davids-Bekenntnis des Bartimäus
2. Blindenheilung

Für die drei Lehrreden von Jesus könnte man folgende Überschriften finden: - Mk 8,34ff: Weg der Nachfolge, - Mk 10,29ff: Lohn der Nachfolge, - Mk 10,42ff: Art und Weise der Nachfolge

- Nachfolge Jesu auf dem Kreuzweg durch Selbstverleugnung
- Glaubensgemeinschaft auf dem irdischen Leidensweg und ewiges Leben in der Zukunft
- Dienende Niedrigkeit zum Wohl aller Gläubigen

Dem stehen als „Versuchung“ das Streben nach irdischer, vor allem auch innerkirchlicher Macht und Autorität, nach Reichtum und nach persönlichem Ansehen gegenüber.

Der Abschnitt „Auf dem Weg“ ist das schlagende Herz des Markusevangeliums. In ihm wird eine Frage gestellt, die um das griechische Wort „θέλει“ (thelei - wollen) kreist: Was ist DEIN Begehr? Was willst DU? Markus verhängt keine strengen Gebote, nichts wird unter „Strafe“ oder „Verdammnis“ gestellt. Es ist ausdrücklich eine Frage der eigenen Entscheidung, des freien Wunsches – Mk 8,34: „Wenn einer will (θέλει – thelei) mir nachkommen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach ...


2) Der blinde Bartimäus sitzt in Mk 10,46 zunächst neben dem Weg („παρὰ τὴν ὁδόν“). Ihm stellt Jesus schließlich diese Frage (Mk 10,51): „Was willst (θέλεις – theleis) du, dass ich für dich tun soll?“ Nach seiner „Heilung“ („Dein Glaube hat Dich gerettet“) folgt Bartimäus schließlich Jesus nach „ἐν τῇ ὁδῷ“ - auf dem Weg.

Was Bartimäus wollte? Er wünschte nur „ἀναβλέπω“ (anablepó) zu sein - „aufblickend“, den Willen Gottes erkennend …

Natürlich lässt Markus die Gelegenheit nicht ungenutzt, sich über die Jerusalemer „Säulen“ lustig zu machen. Denn auch Jakobus und Johannes wird haargenau die gleiche Frage gestellt:

Mk 10,36 Jakobus und Johannes                            
Mk 10,51 Bartimäus                                               
„… εἶπεν αὐτοῖς, Τί θέλετέ με ποιήσω ὑμῖν“        
„Ἰησοῦς εἶπεν, Τί σοι θέλεις ποιήσω“                  
„... er sagte ihnen, Was ihr wollt von mir, ich soll tun für euch?“
„Jesus sagte, Was für dich, du willst, ich soll tun?

Peinlicherweise wünschen sich beide „kirchliche“ Macht und persönliches Ansehen (Mk 10,37): „Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.


3) Matthäus und Lukas sind redlich bemüht, den schlechten Eindruck auszubügeln, den Jakobus und Johannes im Markusevangelium hinterlassen.

Bei Matthäus tragen nicht die beiden Jünger diesen eigennützigen Wunsch vor, sondern ihre Mutter (wohl von Sohnesliebe geblendet). Lukas lässt die Szene ganz aus und bringt eine eigene Anekdote mit Jakobus und Johannes, in der er die beiden Jünger, die Markus in Mk 3,17 als „Donnersöhne“ bezeichnet, als feurig und etwas zu leidenschaftlich in ihrer Liebe zu Jesus darstellt.

Der markinische Held aber, der blinde Bartimäus, der alle 12 Jünger in den Schatten stellt, bleibt im Matthäus- als auch im Lukasevangelium ungenannt, so dass sich die beiden Evangelisten ironischer Weise wie jene verhalten, die Bartimäus im Markusevangelium zum Schweigen bringen wollen – Mk 10,48.

Wie so häufig ist es der Evangelist Johannes, der in seiner Blindenheilungs-Szene Markus am redlichsten interpretiert und offen ausspricht, was Markus als gleichnishaftes Rätsel angelegt hat – Joh 9,26ff: „Da fragten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? … Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht. Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan. Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht erhört; sondern den, der gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er. … Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

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